Donnerstag, 18. August 2022
's Blättsche Lokales "Wie Gott uns schuf"

“Wie Gott uns schuf”

Auch Seligenstädter Priester äußert seine Meinung in ARD-Doku

Derzeit großes Aufsehen im Land, auch in unserer Region, über die ARD-Dokumentation “Wie Gott uns schuf” , die am Montagabend im ersten Fernsehprogramm ausgestrahlt wurde.

Das Thema “Machtmissbrauch in der Kirche” wird derzeit wieder öffentlich diskutiert nach dem Gutachten von München. Die ARD änderte ihr Programm und zeigte die Doku direkt im Anschluss an das “Corona-Extra”. Es geht um die Diskriminierungspraxis der katholischen Kirche bei Fragen der sexuellen Orientierung.

Holger Allmenröder ist seit 17 Jahren Pfarrer in St. Marien und St. Margareta und ist bekannt für seine offene und ehrliche Haltung. Bild: privat

Hajo Seppelt, eher bekannt durch seinen Enthüllungs-Journalismus im sportlichen Bereich Doping, widmete sich diesem “heißen Thema” mit langen investigativen Recherchen.

So kam es zu dieser sehenswerten Doku mit Interviews von mehr als 120 Gläubigen, die sich outen und von ihren Erfahrungen als queere Menschen berichten. Viele bekannte Menschen aus dem ganzen Bundesgebiet, auch aus unserer Region. Es ist das größte Coming-out in der katholischen Kirche. Katholische Verbände wie das Zentralkomitee der deutschen Katholiken unterstützten die Aktion und solidarisieren sich mit den Forderungen. Auf weitere Reaktionen von offizieller Seite wird gewartet, zwei davon erreichten uns unmittelbar vor der Veröffentlichung.

Einige geben ihr Interview anonym, andere stehen zu ihrer Meinung, gleichwohl wissend, dass es sie in gewissen Diözesen den Job kosten kann. Offen mit seiner Einstellung und seiner Meinung geht seit Jahren Holger Allmenröder um. Der 59-Jährige ist seit 17 Jahren überaus beliebter Seelsorger in der Seligenstädter St. Marien-Gemeinde und in St. Margareta Froschhausen, seit einigen Jahren auch stellvertretender Dekan im Dekanat Seligenstadt.

Offen und ehrlich spricht er auch im Statement für die ARD über seinen Werdegang und wie er im Bistum Mainz aufgenommen wurde. Dafür gibt es in den sozialen Netzwerken sehr viel Zuspruch, was verdeutlicht, dass Authenzität in der Kirche ein wichtiger Vertrauensschritt ist.

Der Link zum Video in der ARD-Mediathek: www.ardmediathek.de/…/Y3JpZDovL3JiYi1vbmxpbmUu…/

Mainzer Bischof reagiert auf die Aktion “OutInChurch”

Der Mainzer Bischof Dr. Peter Kohlgraf hat bereits reagiert. Bild: B.O.-Pressestelle

>> Kurz vor der Veröffentlichung dieses Artikels reagierte der Mainzer Bischof Dr. Peter Kohlgraf auf die Situation wie folgt:
“OutInChurch – unter diesem Titel fand eine Aktion statt, in der sich 125 Menschen der Kirche als “queer” outeten. Es ist völlig klar, dass es bei den Haupt- und Ehrenamtlichen erheblich mehr Menschen gibt, die dies betrifft. Vor einiger Zeit hatten wir eine erste Tagung im Bistum Mainz zu diesem Thema, die mit und von Personen aus den unterschiedlichen Gruppen betroffener Menschen vorbereitet und durchgeführt war, sie fand hohe Aufmerksamkeit, weitere Treffen werden folgen.

In Gesprächen habe ich viel gelernt: miteinander reden, verstehen, unterstützen und begleiten – nicht verurteilen

Dr. Peter Kohlgraf, Bischof von Mainz

Bereits in den Gesprächen vorher habe ich viel gelernt: miteinander reden – nicht übereinander, verstehen, unterstützen und begleiten – nicht verurteilen.

Trotz vieler kränkender Erfahrungen suchen Menschen, die so empfinden und leben, in der Kirche Heimat und sie engagieren sich. Das sehe ich mit großer Dankbarkeit. Mit einem Lippenbekenntnis der Wertschätzung ist es nicht getan. In den Begegnungen und auch in der gestrigen Aktion wurde deutlich: zu oft ist Angst im Spiel, die Menschen erfahren Verachtung und Verurteilung. Durchaus durch die Kirchenleitungen, aber genauso durch Menschen “an der Basis”.

Ich kann mich vor meinem Gewissen nicht damit abfinden, dass Menschen durch die Kirche Kränkung erfahren. Es beginnt beim Denken und Reden, das wir verändern müssen. Und es führt für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch an die Frage des Arbeitsrechts, das etwa im Hinblick auf die Bewertung der verschiedenen Lebensformen sicher weiterentwickelt werden muss. Auch das war Thema unserer Tagung. Es stellt mich nicht zufrieden, dass Menschen sich vor mir verstecken, und ich will sie gegebenenfalls gar nicht sehen, um nicht reagieren zu müssen. Alles, was nach Doppelmoral und Heimlichtuerei riecht, darf in der Kirche keinen Platz haben. Was macht die Kirche denn unglaubwürdig? Sicher nicht die gelebte Wertschätzung der Menschen als Kinder Gottes, so wie sie geschaffen sind. Wir bleiben dran.”

>> Aktuelles auch aus dem Bistum Würzburg: Im Rahmen der Aktion Out In Church – Für eine Kirche ohne Angst hat der Generalvikar die Unterstützung der Diözese bekräftigt und setzt sich für eine baldige Anpassung des Dienstrechts ein.

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1 Kommentar

  1. Dieses Coming out war in der katholischen Kirche längst überfällig. Die Kirchenoberen tun gut daran, hier klar und unmissverständlich Toleranz zu üben. Die „Qualität“ eines Menschen ist keine Frage der sexuellen Orientierung, das gilt selbstverständlich auch für Priester. Im Übrigen ist es eine Frage des Anstandes, offen mit den betroffenen Menschen zu kommunizieren und nicht „über“ sie zu reden. Das erwarte ich jedenfalls von „meiner“ Kirche. Auch bei den anderen schwierigen Themen, die aktuell für Erschütterung und Frust sorgen.

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