Donnerstag, 17. Juni 2021
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Bischof Kohlgraf: “Eine Kirche, die teilt”

Zehn Gemeinden im Dekanat Seligenstadt werden bis 2030 "zusammengewürfelt"

Aus zehn mach zwei. Oder sogar eins. So oder ähnlich sieht das Projekt für das katholische Dekanat Seligenstadt aus, das seit vielen Monaten intern in Kirchenkreisen diskutiert wird. Derzeit gibt es im Dekanat Seligenstadt zwischen Zellhausen und Steinheim zehn Gemeinden (die bislang Elfte mit St. Cyriakus Klein-Welzheim wurde bereits vor einigen Jahren in die Basilikapfarrei integriert). Aus den zehn Gemeinden, so sieht es die Planung für 2030 vor, sollen nun zwei Pfarreien werden: Eine Süd, eine Nord.

“Eine Kirche, die teilt”, nennt es der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf. Es gehe darum, Leben, Glauben, Ressourcen und Verantwortung zu teilen, um Kirche zukunftsfähig zu machen, schildert die Dekanatsreferentin für Seligenstadt und Rodgau, Andrea Bach, die Situation. Bis 2030 sollen auf gesamter Bistumsebene die 134 Pfarrgruppen und Pfarreienverbünde zu 50 Pfarreien zusammengeführt werden.

Jede Gemeinde soll ein Ort lebendigen Glaubens bleiben

Das Logo zum “Pastoralen Weg” im Dekanat Seligenstadt. Bild: privat (Dekanat Seligenstadt)

Für das Dekanat Seligenstadt sähe die Planung so aus: Im Norden des Dekanates bilden St. Nikolaus und St. Johann Baptist Steinheim, St. Peter und Paul Klein-Auheim, St. Wendelinus Hainstadt und St. Nikolaus Klein-Krotzenburg eine Einheit, im Süden St. Marien Seligenstadt, St. Margareta Froschhausen, St. Marcellinus und Petrus Seligenstadt, St. Kilian Mainflingen und St. Wendelinus Zellhausen. In diesem Modell mit zukünftig zwei Pfarreien würde das Dekanat in Nord und Süd geteilt. Allerdings ist auch eine Zusammenlegung aller zehn Gemeinden zu einer einzigen Pfarrei noch möglich.

In diesem Zusammenhang wird auch der Stellenplan der Hauptamtlichen bis spätestens 2030 reduziert: von aktuell 14,75 Stellen auf 8,6 Stellen. Das erfordert eine stärkere Einbindung der Ehrenamtlichen und eine gute Vernetzung unter den Gemeinden. Auch wenn die „Verwaltungseinheit Pfarrei“ mit einem “leitenden Pfarrer” deutlich größer wird, soll “jede Gemeinde ein Ort lebendigen Glaubens” bleiben. Es wird dort weiterhin Gottesdienste, Ansprechpartner für die Seelsorge und regelmäßige Bürostunden des Pfarrbüros geben.

Geleitet wird die zukünftige Pfarrei vom leitenden Pfarrer gemeinsam mit den hauptamtlichen pastoralen Mitarbeitern in einem Pastoralteam. Sie werden unterstützt von hauptamtlichen Verwaltungskräften, dem Pfarreirat und dem Verwaltungsrat. In den Gemeinden wird es einen Ortsbeirat geben, der sich um die Belange vor Ort kümmert.

An der Vorbereitung dieses ganzen Prozesses arbeiten seit Anfang 2019 Vertreter aus allen Pfarreien des Dekanates in verschiedenen Themengruppen.

In der Themengruppe 1 „Sozial- und Pastoralraum“ wird überlegt, wo in Zukunft die Schwerpunkte für seelsorgliche Arbeit und pastorales Handeln gesetzt werden können und sollen.

Die Themengruppe 2 beschäftigt sich mit der Frage „Was brauchen die Menschen?“ und hat hierfür einen Fragebogen erstellt und ausgewertet. Die Ergebnisse fließen in die Überlegungen aller anderen Themengruppen ein.

Die Themengruppe 3 stellt die pastoralen Schwerpunkte der jetzigen Pfarreien zusammen und sammelt die Argumente aus den verschiedenen Gruppen und Gremien für zukünftig eine oder zwei Pfarreien auf Dekanatsgebiet.

Aufgabe der Themengruppe 4 „Verwaltung“ ist es, ein Konzept für das „Pfarrbüro der Zukunft“ zu entwickeln und zu überlegen, welche Verwaltungsaufgaben zentral oder besser dezentral vor Ort erledigt werden sollten.

In der Themengruppe 5 kommt die Jugend zu Wort und beschäftigt sich mit Fragen wie „Was bedeutet mir Kirche?“, „Wie sieht meine Vision von Kirche aus?“, „Wen und was brauchen wir?“ .

Themengruppen zu „Finanzen/Vermögen“, „Spiritualität“ und „Kommunikation“ sollen noch gebildet werden.

Heute “Schlussberatung” vor der Entscheidung im Dekanat

Im Dekanatsprojektteam werden die Ergebnisse der Themengruppen gesammelt und für die Dekanatsversammlung als Entscheidungsgrundlage aufbereitet. Die Dekanatsversammlung besteht aus den Hauptamtlichen sowie ehrenamtlichen Vertretern der Pfarreien. Sie berät am Donnerstag, 10. Juni, und entscheidet am 7. Juli, ob das Pastorale Konzept für eine oder zwei Pfarreien entwickelt werden soll. Am 4. November verabschiedet sie das Pastorale Konzept, das bis 26. November der Bistumsleitung vorgelegt werden soll.

Wer an weiteren Informationen interessiert ist oder sich aktiv am Prozess beteiligen möchte, kann sich an den Pfarrgemeinderat vor Ort wenden oder die Homepage des Dekanates besuchen: www.bistummainz.de/dekanat/seligenstadt/aktuell/pastoraler-weg/

Angemerkt
Von Bernhard Koch
Auf dem Seligenstädter Marktplatz trafen wir dieser Tage den “Kumpel”, der einst in der Jugendarbeit aktiv, sich an die “tolle Zeiten in den Zeltlagern und an die Kindergottesdienste erinnerte, die heute noch nachwirken”. Es waren die Siebziger Jahre, der Pfarrer schon im Pensionsalter, aber im Kopf jung geblieben. Obwohl er nicht im Zelt übernachten konnte, ließ er es sich nicht nehmen, mit seiner Cousine, die bei ihm Haushälterin war, jeweils mitzufahren an die Orte der Zeltlager. In einer Freizeitwohnung in der Nähe untergebracht, war Pfarrer M. morgens immer der Erste auf dem Lagerplatz und er motivierte die Kinder und Jugendlichen, aber auch die Erwachsenen, die die Aktionen tatkräftig mittrugen. Er war Vorbild, heute würde man sagen “er kam authentisch rüber, tat das, was er predigte”.
Die jungen Leute, mit ihren Meinungen und ihrem Engagement ernst genommen, zeigten sich begeistert und genossen die Lagertage.
Wieder zuhause konnte sich der Pfarrer sicher sein: die jungen Leute kamen auch in die Gottesdienste, einfach auch deshalb, weil sie in Absprache mit den jungen Erwachsenen aktiv mitwirken durften. 100, 120 Kinder rund um den Altar waren keine Seltenheit.
Volle Kirchen, tägliche Gottesdienste – das war einmal. Ältere Pfarreimitglieder erinnern sich daran. Heute – und nicht erst heute – sieht die Realität anders aus. Die Gründe sind vielfältig. Die Aktiven von einst sind ins Alter gekommen oder leben schon nicht mehr. Die Kirchen sind nahezu leer. Und wer das genau beobachtet hat: Erst so richtig “leer” seit dem Beginn des neuen Jahrtausends.
Dem Fernsehen, dem Internet und den zahlreichen Freizeitangeboten da die Schuld zu geben, ist zu kurz gedacht. Da hat vieles andere nicht funktioniert. Nun geht die Kirche neue Wege, aktuell den “Pastoralen Weg”, zu dem sich das Bistum Mainz 2018 entschlossen hat. „Eine Kirche, die teilt“, nennt es Bischof Kohlgraf, und man darf durchaus gespannt sein, was das Projekt an neuen inhaltlichen (und nicht nur organisatorischen) Impulsen schafft.
Eines ist sicher: Es braucht Vorbilder wie einst, denen auch Verantwortung übertragen wird, die ihre Kirche leben dürfen, ohne letztlich ausgebremst zu werden. Beispiele gibt’s genügend, Maria 2.0, Segen für homosexuelle Paare, das Akzeptieren neuer Ideen, eine bessere Kommunikation mit den Menschen, das Ernstnehmen von Laien. Pfarrer, die als verantwortliche “Hirten” das zulassen, sind heute gefragter denn je. Noch gibt es viele von ihnen, auch im Dekanat Seligenstadt.
Es wird sich zeigen, ob der “Pastorale Weg” noch rechtzeitig beginnt oder der Zug schon abgefahren ist…

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1 Kommentar

  1. Für diese “Mammutaufgabe” wünsche ich der Kirche viel Glück. Allein – mir fehlt der Glaube … 😢Ein sehr gut befreundeter Pfarrer sagte bei uns vor bestimmt 15 Jahren schon, so, wie die Kirche derzeit läuft, kann es nicht weitergehen. Sie muss ganz am Boden sein, damit sie aufsteht und neu zum Leben erweckt wird. Ich wollte ihm das nicht abnehmen, aber er hatte Recht. An diesem Punkt sind wir jetzt wohl angekommen

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