Sonntag, 7. August 2022
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Das Rätsel um den Eintracht-Wimpel

Dekan Dieter Bockholt wird am Sonntag, 17. Juli, verabschiedet

Ein Vierteljahrhundert ist Dieter Bockholt inzwischen Pfarrer in St. Wendelinus Hainstadt, 18 Jahre davon auch Dekan im Dekanat Seligenstadt. Im August wird Willi Gerd Kost Nachfolger als Hainstädter Pfarrer und ab 1. August als Leiter des Pastoralraums Mainbogen. Bockholt verlässt die Region in Richtung Bad Vilbel. Unser Redakteur Bernhard Koch traf sich mit ihm zu einem Interview.

18 Jahre lang war Dieter Bockholt Dekan im Dekanat Seligenstadt. Bild: beko

Herr Dekan, 2022 wird auch für Sie ein „besonderes Jahr“. Welche Gedanken gehen Ihnen dabei durch den Kopf?

Bockholt: Jetzt wird‘s konkret! Im kommenden Jahr werde ich 70 und ich habe dem Bischof versprochen, weiterhin noch etwas zu tun, aber nicht mehr in leitender Funktion. Zehn Tage vor Weihnachten 2021 habe ich den Verzicht auf die Pfarrei St. Wendelinus Hainstadt unterschrieben, denn Pfarrer können ja nicht einfach so versetzt werden. Gedanken mache ich mir über den „Pastoralen Weg im Bistum“ und ich bin mir sicher: Wir müssen über den eigenen Kirchturm schauen!

Bleiben wir aber erst mal in Hainstadt. Wie war das damals zum Start im Oktober 1997?

Ich war nach Kaplansjahren in Münster, Dietzenbach und Seligenstadt 14 Jahre Pfarrer in Urberach, damals auch der jüngste Dekan im Dekanat Rodgau und wollte ursprünglich mal weiter weg als hier im Gebiet zu bleiben. Mainz-Bretzenheim und Hainstadt wurden mir angeboten, mit meinen Eltern schaute ich mir beide Gemeinden an. Innerhalb von vier Tagen sollte ich mich entscheiden und plädierte dann für Hainstadt.

In Hainstadt waren damals 65 Prozent der Einwohner katholisch.

Ja, es gab mehr als 5000 Katholiken hier und ich kannte ja die Gemeinde schon durch meine Kaplansjahre in der Basilika-Pfarrei. Jetzt sind es schon weniger als 4000 Katholiken, das wird auch deutlich, wenn man Zahlen sieht. Derzeit gibt es noch etwa fünf Trauungen im Jahr, 20 Taufen, gegenübergestellt etwa 60 Beerdigungen.

Und die Corona-Pandemie hat das Gemeindeleben auch verändert…

Allerdings, und das ziemlich stark. Der Gottesdienstbesuch ist um etwa ein Drittel zurückgegangen, viele ehemalige Kirchgänger verfolgen eher die Gottesdienst-Übertragungen in den Medien. Vieles gelingt nur noch mit Videositzungen, das Engagement der Menschen ist stark ausgedünnt. Zur Erstkommunion in diesem Jahr war die Kirche erstmals nach dem Lockdown wieder mal voll. Und auch das Zeltlager steht noch mit Fragezeichen, weil sich noch nicht genügend Mitfahrer angemeldet haben.

Es gibt jetzt zusätzlich durch den pastoralen Weg tiefgreifende Veränderungen in der Struktur der Seelsorge . Ist das auch Abschied von Vertrautem und Gewohntem?

Allemal. Es gibt ganz große Unterschiede bei den Generationen und wir werden unterschiedlich lange auf dem Weg sein bis 2030. Was mir besonders auffällt ist, dass nur noch ein Viertel der Familien zusätzlich zur Beerdigung ein Requiem wünschen.

Und was muss passieren, um wieder mehr Menschen für die Kirche zu begeistern?

Ich habe kein Patent-Rezept, aber wir müssen uns definitiv von starren Formen der Gottesdienste trennen. Wir müssen weg vom eigenen Kirchturm, offen sein für Neues, müssen die frohmachende Botschaft leben. Die Zeit, Gottesdienstbesucher zu zählen ist vorbei, das Zahlendenken überhaupt. Viele Menschen treten aus, weil sie enttäuscht sind. Und Kirche sollte wieder in bessere Schlagzeilen kommen.

Das ist ja nicht anders bei „der Jugend“. Allein mit Zeltlagern und Sternsingeraktionen kann Jugendarbeit nicht fundamental funktionieren, selbst wenn’s auf Instagram oder TikTok steht.

Richtig. Deshalb ist nach wie vor das Wichtigste, bei den Jugendlichen vor Ort zu sein, auch in der Schule. Ihnen deutlich zu machen: Ich bin da! Kontakt halten mit Jugendlichen, aber nicht vorwiegend mit dem Ziel, sie als Magnet in die Kirche zu ziehen.  Wir müssen uns auf die Jugend einlassen, deshalb war mir der Reli-Unterricht an den Schulen immer wichtig.

Das haben sie auch im Dekanat immer deutlich gemacht. Seit 2004 sind sie als Dekan auch für das gesamte Dekanat Seligenstadt zuständig. Bis zum Sommer.

Ja, als jüngster Dekan im Bistum Mainz habe ich begonnen, als ältester Dekan höre ich nun auf, nachdem meine Amtszeit zweimal verlängert wurde.

Auf die Mitarbeit der Laien haben sie immer besonderen Wert gelegt…

Und das ist auch wichtig für die Zukunft. Hier im Dekanat haben sich die Laien unheimlich engagiert, wo sie es durften. Darauf muss geachtet werden, denn es gibt noch viele Unklarheiten bei der künftigen Arbeit der Gremien. Fehlende Transparenz in vielen Bereichen erschweren hier eine effektive Zusammenarbeit.  

Bei so vielen Aufgaben bleibt doch kaum Zeit für Hobbys…

Die habe ich wirklich stark vernachlässigen müssen. Zwischendurch haben ich mal die Balkon-Eisenbahn aufgebaut, einige Strecken digitalisiert, aber das war’s dann. Zum Glück kann ich nach meiner Knie-OP wieder gut wandern und ich muss mir freie Zeit im Kalender irgendwie auskratzen.

Das ändert sich ja jetzt im nächsten Lebensabschnitt hoffentlich. Sie werden als Pfarrvikar weiter Dienst tun, aber ohne die Verantwortung als Pfarrer oder Dekan.

Ja, darauf freue ich mich. Bis Ende August wohne ich zwar noch hier in Hainstadt, aber bin dann schon in Wetterau-Süd aktiv. Wie schreibt es die neue Gemeinde von St. Nikolaus Bad Vilbel im Pfarrbrief: Ich werde im Pfarrhaus wohnen, aber nicht der Pfarrer sein.

Nicht der Pfarrer sein heißt…

Dekan Dieter Bockholt wird Pfarrvikar in Bad Vilbel. Bild: beko

als Priester zu wirken, Seelsorger zu sein, da wo ich gebraucht werde. Aber zu tun gibt es genug als Nachfolger von Pfarrer Herbert Jung (74), der wie ich, 1997 dort die Gemeinde  übernahm: Die Pfarrei hat vier Kirchen, mit Massenheim, Dortelweil und Heilsberg drei Gemeindeteile mit rund 5000 Katholiken. Einen Vorteil hat die Region jetzt schon, ich bin schneller in meinem Fitness-Zentrum.

Und näher an der alten Heimat…

So ist es. Ober-Erlenbach ist meine alte Heimat.

Die alte und neue Liebe scheint aber die Eintracht zu sein, wenn ich den Wimpel hier im Büro richtig deute…

Ja, das ist eine besondere Geschichte, die noch nicht aufgeklärt ist. Die Hainstädter wissen ja, dass ich Fan von Eintracht Frankfurt bin. Und ich habe mich riesig über diesen Wimpel gefreut, den ich am Vorabend vom Europa-Pokal-Endspiel in meinem Briefkasten fand. Leider weiß ich bis heute nicht, wer ihn mir dort eingeworfen hat. Ich hab das schon in einem Gottesdienst erzählt und mich dafür bedankt. Und wir haben extra das Kirchenlied gesungen, in dem die Eintracht erwähnt wird: „Nun lasset uns Geschwister sein, der Eintracht uns erfreun“.

Gedanklich sind sie bereits im Ablösungsprozess. Was steht in Hainstadt noch an, wie geht es weiter?

Am Sonntag, 17. Juli, ist die Verabschiedung für 15 Uhr geplant, Anfang September soll der Umzugswagen kommen. Bis dahin werde ich pendeln und man wird mich immer wieder in Hainstadt antreffen, auch bei Terminen.

Ab 1. August ist Pfarrer Willi Gerd Kost Pfarrer in St. Wendelinus Hainstadt und leitender Pfarrer des Pastoralraumes Mainbogen, also der Gemeinden zwischen Zellhausen und Steinheim. Durch die Ferien ist der Dienstbeginn erst am 1. September. Die 130 Gemeinden im Bistum Mainz werden zu 46 Pastoralräumen zusammengefasst, die 20 Dekanate bilden dann vier Regionen.

Auch bei der Fastnacht wirkte Dieter Bockholt kräftig mit. Bild: beko

Die große Sorge der älteren Frau

Dekan Dieter Bockholt beendet Sätze unserer Redaktion.

Die Bücher, die ich derzeit lese, heißen “Alt werden beginnt im Kopf“ von Notker Wolf, „Geht’s noch?“ von Bruder Paulus und „Nachts im Kanzleramt“ von Marietta Slomka.

Wenn ich an Hainstadt denke, fällt mir spontan ein der Kirchenbrand an Silvester 1998.

Die positivste Erinnerung an Hainstadt ist für mich ein sehr warmes, herzliches Aufgenommen werden in der Pfarrgemeinde mit der Frage „Wie hätten Sie’s denn gern?“ Und ich erinnere mich an eine Begebenheit nach einem der ersten Gottesdienste in Hainstadt als eine ältere Frau mich ansprach: „Was ein Glück, dass sie als Pfarrer gekommen sind. Wir haben schon große Sorge gehabt, wir werden mit Klein-Krotzenburg zusammengelegt.“

Überhaupt nicht gerne erinnere ich mich an die großen Mühen während der Zeit als wegen des Kirchenbrandes kein Gotteshaus zur Verfügung stand.

Den Europa-Pokal-Sieg ihres Lieblingsvereins als „Frankfurter Bub“ habe ich in einem Hotel in Garmisch-Partenkirchen erlebt. Wir waren dort zu den Oberammergauer Passionsspielen. Zum Glück war die Aufführung erst am Tag nach dem SGE-Sieg.

Das würde ich am liebsten sofort ändern: den Klimaschutz viel mehr verschärfen, wir machen sonst unseren Planeten kaputt. Und das Bildungssystem muss radikal geändert werden.

Diese Änderungen möchte ich in der Kirche noch erleben: Dass auch ein Papst in einem bestimmten Alter zurücktritt und die Priester auch. Wir haben zu viele alte Männer an der Spitze. Außerdem wünsche ich mir die Weihe von Frauen, das  muss von Rom kommen.

Meinem Nachfolger gebe ich mit auf den Weg: Lass Dich nicht von bestimmten Strömungen zu sehr beeinflussen. Hab den guten Überblick und sieh bei allem Negativen auch die Freude.

Was ich immer schon mal sagen wollte: Ich habe meinen Beruf nie bereut, bin damit glücklich. Wünsche mir, dass sich viele in dieser schweren Situation einen Dienst in der  Kirche übernehmen und sich von der Kraft des Evangeliums anstecken lassen.

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