Freitag, 7. Oktober 2022

Zen mit Amandus

Mit Alpakas im Jossgrund auf Trekkingtour

Wer kennt sie nicht, die kuscheligen Tiere aus den Anden, denen man in den letzten Jahren immer wieder auch bei uns in Hessen begegnen kann. Inspiriert durch diverse Kuscheltierfans im Familienkreis vergrößert sich der Wunsch diese niedlichen Tiere auch einmal live und ganz nah kennenzulernen. Kurzerhand wird ein privater Anlass gesucht (Geburtstagsgeschenk für den 11jährigen) und eine dazu passende Wandertour gebucht. Anbieter gibt es einige im Umkreis (Tipps am Seitenende), wir entscheiden uns für eine längere Wanderung mit anschließender Kaffee und Kuchen Verkostung im J ossgrund.

Glück gehabt, kurz darauf wäre es durch den Lockdown erst einmal nicht mehr möglich gewesen. Herbst und Winter sind tatsächlich sogar Hauptsaison, erzählt Besitzer Jürgen Schneider später. Das klingt logisch, die Tiere spazieren sicher auch nicht gerne im Hochsommer und bei strahlendem Sonnenschein mit ihrem dicken Fell durch die Gegend…
“Eigentlich sollte das mit den Alpakas nur ein Projekt zur Rente werden, damit es nicht zu langweilig wird”, so Schneider. Drei Jahre ist es her, dass er zusammen mit Ehefrau Christina das Projekt Alpakafarm gestartet hat, mittlerweile ist es nun doch mehr geworden als ein kleiner Zeitvertreib.

Die Farm liegt oberhalb des Dorfes und man kann bereits vor dem Start die schöne Aussicht genießen. Die Gruppe findet an der Scheune zusammen, obligatorisches Hände waschen und desinfizieren, Mund Nasen Masken sind sowieso schon auf und los geht es mit grundsätzlichen Infos rund um die Tiere. “Es sind keine Tiere die auf kuscheln stehen, kein “Streichelzoo” wie man es sich vielleicht denken würde”, das erfahren wir von Herrn Schneider gleich zu Anfang. Etwas schade erscheint uns das zuerst, später werden wir alle merken, dass die Erfahrung Alpakas zu führen weit mehr ist als irgendwelche Knuddelfantasien auszuleben. Vorsichtig mal über den Kopf streicheln oder am Rücken ist aber durchaus ok.

Jetzt geht es los. Die Trekking-Reihenfolge wird festgelegt, das Anführertier geht vorne weg (auch die Führleinen der Alpakas sind übrigens desinfiziert, an was man in diesen Zeiten so alles denken muss) und wir spazieren hintereinander Richtung Wald – jeder mit einem Alpaka als Gefährten. Übrigens können bereits Kinder im Grundschulalter selbst ein Alpaka führen, bei Jüngeren übernimmt das ein Elternteil.
Die ersten Meter sind gleich eine kleinere Herausforderung, die männlichen Tiere wollen doch zu gerne zu ihren Gefährtinnen und Kindern Richtung Weide abbiegen (verständlich). Wr meistern das weitestgehend gut und lernen die eben gehörte Theorie in die Praxis umzusetzen. Das Wichtigste: mit einem Alpaka diskutiert man nicht.

Hier ist Empathie und Körpersprache gefragt: nicht direkt anschauen, Gesicht geradeaus, mit dem Körper die Richtung vorgeben und klare Kommandos. Ist man hier unsensibel und stellt sich nicht auf das Tier ein kann es vorkommen, dass sich der Vierbeiner etwas sträubt oder sich einfach zu einem selbstbestimmten Päuschen auf den Boden begibt. Irgendwie erinnert das die Eltern unter uns an Zeiten mit dem eigenen Nachwuchs während des Trotzalters. Da wurde sich auch gerne mal im Spielwarengeschäft, wenn man die Barbie oder die Star Wars Figur nicht kaufen wollte, bei Nichterfüllen der Wünsche – oft zur Freude der Unbekannten um einen herum – demonstrativ störrisch in den Gang gelegt…

Nun biegen wir in den Herbstwald ab und schnell wird einem klar, dass dies eine ganz besondere Erfahrung werden wird. Man konzentriert sich auf sein Tier, das sehr aufmerksam auf alles in der Umgebung reagiert – raschelnde Blätter, Wind, spannende Grasbüschel und ähnliches – und schon nach kurzer Zeit hat man nicht mehr das Gefühl sich sofort verbal mit den anderen austauschen zu müssen. Im Gegenteil, das Trekking hat nach einiger Zeit etwas fast meditatives – Mensch, Tier, Herbstblätter in allen Farben, Natur…einfach schön. Nach der Hälfte des Weges wird auf einer großen Waldlichtung Rast gemacht. Die Tiere belohnen sich mit saftigem Gras und wir Menschen können unsere Begeisterung endlich doch mal zwischendurch mit den anderen teilen.

Aber “safety first”, vorher lernen wir noch etwas: Eicheln dürfen nicht gefressen werden, das bekommt dem Alpaka nämlich nicht. Dies ist jetzt keine Herausforderung mehr für uns: mittlerweile souveräner führen wir die Tiere, vorbei an den Versuchungen am Waldrand, auf die sonnige Lichtung. Nach einiger Zeit geht es wieder auf den Weg, der zur Freude der etwas weniger Sportlichen in der Wandertruppe sehr eben ist, gut zu wandern und mit wenig unterschiedlichen Höhenmetern verläuft.

Die zwei Stunden vergehen wie im Flug und nach der Rückkehr dürfen wir unsere Alpakas selbst auf die Weide bringen. Wir stehen noch einige Zeit, machen viele Fotos und genießen den idyllischen Ausblick und die Nähe zu den Tieren. Abgerundet wird dieser Ausflug in der gemütlichen und warmen Scheune, mit Kaffee und frischem, sehr leckeren “Riwwelkuche” (für alle Nicht-Hessen = Streuselkuchen) aus der örtlichen Bäckerei. Noch ein kurzer Abstecher in den Hofladen, ein knuddeliges Souvenir gekauft und bei uns allen steht fest – wir kommen wieder, möglichst noch in diesem Winter und mit Glühweinabschluss statt Kaffee – kulinarische Abwechslung muss ja schließlich sein.

Das war der Stand Ende Oktober. Nun hat der Lockdown nicht nur alle Freizeitpläne auf Eis gelegt.
Die Situation ist wie für viele Solo-Selbstständige und kleinere Unternehmen auch für das Ehepaar und seinen landwirtschaftlichen Betrieb sehr schwer. Bereits getätigte Buchungen für Dezember mussten von den Schneiders abgesagt werden, das bedeutet 95 Prozent Umsatzverlust. Sie müssen jetzt, wie schon im Frühjahr, mit der pandemiebedingten Situation und dem Verbot von “Freizeitaktivitäten drinnen und draußen” klarkommen. Sie, die Alpakas und Trekking-Interessenten müssen geduldig auf grünes Licht warten. Mit dem Kauf eines Gutscheinen kann man sich aber die Wartezeit vertrösten, den Lieben ein besonderes Präsent zu Weihnachten schenken und sich dann gemeinsam auf 2021 und den Ausflug in den Jossgrund freuen.

Hier eine kleine Auswahl der Anbieter im Umkreis:

Jossgrund Alpakas Jossgrund-Oberndorf
Kurznickel Alpakas Rodenbach
Alpaka Projekt Obernburg
Alpaka Event Erlenbach
Wetterau Alpakas Butzbach
Vogelsberglamas Alsfeld

Eine gute Übersicht findet man auch beim Hessischen Rundfunk

Bilder: Heike Bauer

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