Mittwoch, 28. September 2022
's Blättsche Lokales "Wir sollten die Zeit des Umbruchs sinnvoll nutzen"

“Wir sollten die Zeit des Umbruchs sinnvoll nutzen”

Willi Gerd Kost wird erster leitender Pfarrer im „Mainbogen“

Neuer Pfarrer in St. Wendelinus Hainstadt und damit Nachfolger von Dekan Dieter Bockholt ist seit 1. August Willi Gerd Kost. Nach der Neuordnung des Bistums Mainz ist der 58-Jährige auch leitender Pfarrer des Pastoralraums “Mainbogen”. Es handelt sich dabei um die zehn katholischen Pfarreien zwischen Zellhausen und Steinheim, die bis zum 31. Juli diesen Jahres noch das Dekanat Seligenstadt bildeten. Im Gespräch mit der Redaktion nimmt er zu einigen Themen Stellung.

Herr Pfarrer Kost, 2022 ist für Sie mit dem Neustart in Hainstadt und im Pastoralraum „Mainbogen“ ein „besonderes Jahr“. Die Erwartungen sind groß. Welche Gedanken gehen Ihnen dabei durch den Kopf?

Abschied zu nehmen ist mir nach 15 Jahren sehr schwer gefallen. Die Herausforderung hat mich gereizt, das neue Amt anzunehmen. Ich kenne bereits viele Menschen durch Fahrten und Klein-Krotzenburgs Pfarrer Thomas Weiß war einst als Diakon in meiner Pfarrei Heidesheim.

Bleiben wir in der aktuellen Situation. Sie waren Dekan im Dekanat Rodgau und Pfarrer in Lämmerspiel und Dietesheim. Zwei sehr unterschiedliche Gemeinden, die zusammen gewachsen sind. Aber die eine Kirche wie früher, frontal, die andere eher modern in Rundform. Ihr Favorit als Vorsteher des Gottesdienstes?

Beide Gebäude sind für verschiedene Gottesdienstformen sehr geeignet, in Lämmerspiel können Kindergottesdienste stattfinden und sogar Versammlungen, ohne dass Säulen stören. Dietesheim ist dazu eine klassische Kirche.

Ich hoffe sehr, dass ich in Hainstadt Seelsorger durch und durch sein kann

Willi Gerd Kost, neuer Pfarrer in St. Wendelinus

Als „Gemeindepfarrer durch und durch“ sind sie bekannt, was bedeutet das für Hainstadt? Wieviel Zeit bleibt für die Seelsorge in der Pfarrei?

Ich hoffe sehr, dass ich in Hainstadt Seelsorger durch und durch sein kann. Bei mir wird die Seelsorge immer den Vorrang haben vor Sitzungen und Verwaltung. Ich will nicht 20 Schlüssel von irgendwelchen Gebäuden mit mir herumtragen und im Mainbogen von einem zum anderen Ort hetzen.

Kindergarten-Kinder gratulieren ihrem Pfarrer Willi Gerd Kost. Bild: beko

Sie werden neuer und damit erster „leitender Pfarrer“ im Pastoralraum „Mainbogen. Erklären Sie bitte kurz, wie man ein solches Amt mit einer Position in der freien Wirtschaft vergleichen kann. Sind Sie dann der Aufsichtsratsvorsitzende der zehn Gemeinden oder wird der „leitende“ zum „leidenden Pfarrer“?

Hoffentlich wird das nicht leidend.  Ganz wichtig ist mir, dass ich zuerst einmal Pfarrer in St. Wendelinus Hainstadt bin. Ich werde nie „der Macher“ sein, sondern will Haupt- und Ehrenamtliche motivieren auch als leitender Pfarrer für den Prozess der Pfarreiwerdung. Zwar bin ich letztendlich verantwortlich, hoffe aber auf die Rückenstärkung durch Mainz, wenn hin und wieder Konsequenzen zu ziehen sind.

Es gab erhebliche Uneinigkeit, ob die zehn Gemeinden in einen oder zwei Pastoralräume verwandelt werden. Eine Stimme entschied schließlich. Dennoch soll es danach Bestrebungen gegeben haben, statt einem doch zwei Pastoralräume zu errichten.

Unser Bischof hat das Votum ernst genommen und akzeptiert, dass aus dem Dekanat Seligenstadt ein Pastoralraum werden soll. Das ist erstmal Fakt.

Bis 2030 bleibt Zeit, den gemeinsamen Weg zu gehen, zumal auch in Mainz bekannt ist, dass der Pastoralraum Mainbogen lange Zeit in Anspruch nehmen wird, um zu einer Großgemeinde zusammenzuwachsen. Letztlich auch, weil wir hier mit Hauptamtlichen noch sehr gut besetzt sind. Da kann sich bis 2030 noch viel ändern.

Der „leitende Pfarrer“ wird von einer Koordinatorin unterstützt. Wer macht da was?

Diese Aufgabe übernimmt Gemeindereferentin Petra Licht mit 30 Wochenstunden, verbleiben neun Stunden für weitere seelsorgliche Impulse, vielleicht auch Religionsunterricht. Offiziell heißt es, dass die Koordinatorin „den leitenden Pfarrer unterstützt durch die Übernahme der operativen Prozess-Leitung“, dazu zählt sehr viel Planung und Korrespondenz.

Wir wollen uns als Tandem in jeder Gemeinde gesondert vorstellen

Willi Gerd Kost mit Koordinatorin Petra Licht

Und die Umsetzung des Prozesses in den einzelnen Gemeinden?

Wollen wir gemeinsam angehen. Deshalb wollen wir uns auch als Tandem in jeder Gemeinde gesondert vorstellen, vielleicht im Anschluss an einen Gottesdienst. Die Anliegen der Gläubigen sind uns ganz wichtig.

Auch die Arbeit auf Dekanatsebene haben Sie verantwortet. Was bedeutet das für den „Mainbogen“? Wie wird die Zusammenarbeit der zehn bisherigen Gemeinden aussehen? Welche Schwerpunkte setzen Sie in einer völlig neu beginnenden Ära der Kirche?

Wesentlich wird sein, Schritte aufeinander zuzugehen, regionale Schwerpunkte zu setzen, was an Kirchorten gut ist, zu erhalten. Darum bemüht sich dann auch eine Pastoralraum-Konferenz, die zwei- bis viermal im Jahr tagen wird. Zudem gibt es auch eine Konferenz der leitenden Pfarrer in Mainz, in der auch der geistliche Prozess im Auge behalten wird.

Es gibt jetzt zusätzlich durch den pastoralen Weg tiefgreifende Veränderungen in der Struktur der Seelsorge . Ist das auch Abschied von Vertrautem und Gewohntem?

Wir sollten die Zeit des Umbruchs sinnvoll nutzen, aber auch viele Dinge aus dem seitherigen Gemeindeleben auf den Prüfstand legen. Es muss von den Menschen vor Ort kommen, auch zu neuen Projekten zu motivieren, lebendige Gemeinde auch im Großen zu werden. Beim Abschied von Vertrautem kommt mir immer das Bild vom Baum in den Sinn: Im Sommer ist es schwer, Blätter abzumachen, man muss auf den Herbst warten, dann fallen Blätter von alleine.

Was muss passieren, um wieder mehr Menschen für die Kirche zu begeistern?

Oh ja, man muss nicht nur die Strukturen verändern. Am liebsten ist mir, im Kleinen anzufangen, auch beispielsweise mit einer Taufkatechese und dem anschließenden Angebot von Gruppen oder Projekten. Ich wünsche mir, als Kirche die Menschen zu begleiten, die ihre Kinder taufen lassen, Zeugnis weiterzugeben und das Glaubensfeuer zu entfachen. Zu erfahren, was Menschen brauchen.

Es ist ein Ansatz von Seelsorge, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die überzeugt sind.

Das zeigt auch dieses Bild an der Wand, das mit Sicherheit auch mit nach Hainstadt umziehen wird?

Ja, genau. Meine Lieblings-Bibelstelle ist dort gemalt. Die Emmaus-Geschichte und das, was Jesus sagt und ich als Seelsorger am liebsten erreichen will: „Er ging mit ihnen!“         

Mit Dekan Willi Gerd Kost sprach unser Redakteur Bernhard Koch

INFO-ECKE
Seit 1. August ist der gebürtige Budenheimer Willi Gerd Kost (58) Pfarrer in St. Wendelinus Hainstadt und leitender Pfarrer des Pastoralraumes Mainbogen, also der Gemeinden zwischen Zellhausen und Steinheim. Da Pfarrer Dieter Bockholt derzeit noch in Hainstadt ist, wird Kost vorerst in Klein-Krotzenburg wohnen bis die Wohnung im Hainstädter Pfarrhaus bezugsfertig ist.
Neben Pfarrer Kost haben dann auch Gemeindereferent Vincenzo Caterina und Koordinatorin Petra Licht ihren Sitz in Hainstadt.
Die 130 Gemeinden im Bistum Mainz werden zu 46 Pastoralräumen zusammengefasst, die 20 Dekanate bilden dann vier Regionen.

Die Redaktion beginnt einen Satz, Pfarrer Kost beendet ihn:

Das Buch, das ich derzeit lese, heißt „Ich muss raus aus dieser Kirche. Weil ich Mensch bleiben will“. Der ehemalige Generalvikar von Speyer, Andreas Sturm, spricht Klartext. Das Buch bekam ich zu meinem Abschied.

Die positivsten Erinnerungen an mein Priestersein …sind in einer Menge von Fotobüchern zu finden. Gerne erinnere ich mich an das erste Beichtgespräch.

Wenn ich an Hainstadt denke, fällt mir spontan ein … dass Wendelinus als Schutzpatron immer wieder meinen Weg kreuzt.

Es hat sich herumgesprochen, dass ich an Fastnacht auch mal in die Bütt steige. Das ist auch in Hainstadt wichtig, weil… Freude unbedingt zum Leben dazugehört.

Es wird wenig Zeit dafür bleiben, aber diesem Hobby will ich auf jeden Fall treu bleiben: Orgel spielen

Das würde ich am liebsten sofort ändern (politisch/gesellschaftlich!): Ich würde einen großen Teil der öffentlichen Ausgaben in humanitäre Projekte investieren.

Diese Änderungen möchte ich in der Kirche noch erleben: Wachsende Geschwisterlichkeit, um den Glauben immer wieder neu zu erleben. Man muss der Kirche vor Ort mehr Gestaltungs-Spielraum zutrauen.

Die Mitarbeit der Laien ist für mich kein leeres Gerede, sondern bedeutet für mich: Das ist die Zukunft der Kirche, wobei der Begriff Laie durch den Begriff Gläubige  ausgetauscht werden sollte.

Was ich den Gemeindemitgliedern in Hainstadt schon jetzt mal sagen will: Ich freue mich sehr auf unsere gemeinsame Zeit. Ich gebe einen Vertrauensvorschuss und erbitte das andererseits auch von anderen.

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