Sonntag, 7. August 2022
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Junge Erwachsene lassen sich nicht mit vollmundigen Wahlversprechen ködern

Junge Erstwähler aus Klein-Auheim und Steinheim äußern sich im ‘s Blättsche-Online-Interview

Was denken eigentlich junge Erwachsene, die zum ersten Mal wählen dürfen, über Politik? Gehen sie überhaupt zur Wahl, und wenn ja, was sind für sie die wichtigsten Themen? Informieren sie sich über Inhalte der Parteiprogramme? Was haben sie bisher an (Lokal-)Politik wahrgenommen? Wie informieren sie sich oder steht die Wahlentscheidung bereits fest? Welchen Einfluss hat die Situation in Hanau nach dem rassistischen Terroranschlag am 19. Februar vergangenen Jahres auf ihr Leben? Haben die Tat und der Umgang damit Einfluss auf ihre Wahlentscheidung für eine Partei?

Das waren einige Fragen in unseren Online-Gesprächen mit jungen Erwachsenen aus Klein-Auheim und Steinheim. Nadine*, Isabell* und Marie* (alle drei 18 Jahre alt), Daniel* (22 Jahre) und Sebastian* (23 Jahre) haben sich die Zeit genommen und mit der ‘s Blättsche Redaktion über Politik gesprochen, ihre Erfahrungen und Wünsche. Für alle ein wichtiges Thema ist die Situation für junge Menschen hier in den beiden Stadtteilen. Deshalb vertiefen wir diesen Schwerpunkt noch mit zusätzlichen Interviews mit Jugendlichen unter 18 Jahren, und berichten in den nächsten Tagen. *Alle Namen sind anonymisiert, der Redaktion bekannt und werden aus Datenschutzgründen nicht veröffentlicht.

“Rechts wählen geht gar nicht! Das ist das allerschlimmste.”

Marie*

Alle Interviewten interessieren sich für Politik, das war schnell klar. Bei den meisten stand bisher allerdings doch mehr die Bundespolitik im Fokus: die beiden Älteren gaben bereits bei der Europawahl 2020 und der Landtagswahl 2019 ihre Stimmen ab, waren zudem bei der Bundestagswahl 2017 das erste Mal an der Wahlurne. Dass die Jungen Erwachsenen im März wählen dürfen, war durchaus schon bekannt, spätestens mit unserer Interviewanfrage aber war klar: der März kommt schneller als man denkt.

Wen sie wählen werden, das wird bei allen frühestens eine Woche vorher feststehen. Sie wollen sich Zeit lassen, um die Programme kennenzulernen, die Kandidaten, aber eines steht bei allen Interviewten auf jeden Fall glasklar fest: “Rechts wählen geht gar nicht! Das ist das Allerschlimmste.”, so beispielsweise Marie* aus Klein-Auheim.

Die ‘s Blättsche-Fragebogen-Aktion zur Ortsbeiratswahl finden sie interessant. Wichtige Punkte auf einen Blick direkt vergleichen zu können, ist komfortabel – zusätzliche Recherche haben sich die meisten vorgenommen. Wo haben sich die jungen Erwachsenen nun bisher informiert und ist Politik, vor allem Lokalpolitik, beispielsweise bei Gesprächen in der Familie oder mit Freunden ein Thema?

In allen Familien wird – mehr oder weniger kontrovers – über politische Themen gesprochen, in der Regel allerdings häufiger über Bundes- und Landespolitik. Informations-Kanäle sind das Internet und soziale Plattformen wie Instagram, zum Teil – aber nachrangig – auch mal Printmedien, lassen die jungen Leute uns wissen. Facebook ist übrigens bei keinem ein Thema mehr: entweder gibt es gar keinen Account oder dieser wird nicht mehr genutzt.

Nadine* und Isabell* diskutieren aktuell im Politik-Unterricht das Kumulieren und Panaschieren, beschäftigen sich in Referaten mit den verschiedenen Parteien und deren Wahlversprechen und haben durch die Schule ein größeres politisches Bewusstsein entwickelt als davor.

Ein lokalpolitisches Thema bekamen aber vor allem die Klein-Auheimer Erstwähler in den vergangenen Jahren mit: Die kontroverse Diskussion um den Platz für das zukünftige Alten- und Seniorenwohnheim im Ortsteil. Dass es hier endlich vorangeht, darüber freuen sich alle und können die zum Teil doch sehr hitzigen Diskussionen darüber nicht nachvollziehen.
Eine schnellere Lösung bei einem weiteren Thema, fehlende Jugendzentren in den beiden Stadtteilen, das wünschen sich einmütig alle. Auch wenn sie selbst “davon nichts mehr haben werden” (Isabell*), für ihre jüngeren Geschwister oder Freunde wünschen sie sich das auf jeden Fall. Das war eines der wichtigsten Anliegen in den Gesprächen. Unsere Redaktion wird diesen Schwerpunkt demnächst vertiefen.

“wenn ich mich für eine partei entschieden habe, werde ich trotzdem nochmal eine nacht darüber schlafen. ich möchte ganz sicher sein und meine stimme sehr bewusst abgeben.”

Isabell*

Was sind weitere wichtige Themen, was ist gut im Stadtteil, wofür sollten sich die Hanauer Politiker einsetzen? Auch das wollten wir in unseren Online-Konferenzen wissen. Ein Hauptthema bei allen ist die mangelnde Sicherheit für Fußgänger und Radfahrer: Zu wenig Zebrastreifen auf den Schulwegen (Klein-Auheim), nicht vorhandene Radwege (Klein-Auheim), 30er-Zonen, an die sich spätestens ab 17 Uhr immer weniger halten (beide Stadtteile), Autofahrer, die unbedingt die Grünphase der Ampel erwischen wollen, deshalb extrem beschleunigen vor den Kreuzungen (Seligenstädter/Geleitstraße, Mainzer Straße/Fasaneriestraße in Klein-Auheim oder Kreuzung Ludwigstraße / B43 und 45 in Steinheim).

Auch dass per se schon uneinsichtige Kreuzungen immer mehr zugeparkt werden, fällt den jungen Menschen besonders in Steinheim negativ auf.
Als sehr positiv hingegen wird die Anbindung – zumindest Richtung Hanau und Frankfurt – empfunden, man ist schnell in der Stadt. Die Buslinie zum Hanauer Hauptbahnhof sei allerdings noch ausbaufähig, genauso wie die in Richtung Hainburg. Manchmal nur eine Fahrt pro Stunde ist definitiv zu wenig, vor allen seit Corona und den entzerrten Anfangszeiten an Schule oder Uni, und wenn man auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen ist, weil man kein Auto besitzt oder möchte.

“Es ist lebensgefährlich in der Seligenstädter oder der Geleitstraße mit dem Fahrrad zu fahren.”

Daniel* und Nadine*

“Klein-Auheim ist klein und süß, ich wohne gerne hier”, so Isabelle*, und Marie* liebt das Tanzen auf der Bühne, die Treffen mit ihren Freundinnen im Verein und die Fassenacht. Das Gefühl, ländlich zu wohnen, noch etwas Grün um sich zu haben und die örtlichen Feste schätzen die meisten. Wobei aber auch hier Nachdenkliches zu hören war. Etwa das Empfinden, dass die Natur immer mehr zurückgedrängt wird (Baugebiet Rondo, Erweiterung des Gewerbegebietes in Steinheim) und es in den Stadtteilen selbst doch außer der Grünanlage in Klein-Auheim und dem Burggarten in Steinheim sehr wenig Spaziergangsmöglichkeiten gibt. Klar, es gibt den Main und den Wald, aber je nachdem, wo man in den jeweiligen Stadtteilen wohnt, sind diese Orte auch nicht für jeden schnell erreichbar. Umweltthemen und Nachhaltigkeit ist ebenfalls ein sehr wichtiger Punkt für alle, und das nicht erst seit “Friday for Future”.
Sicher fühlt sich die Jugend hier in den Stadtteilen eigentlich schon. Die jungen Frauen gehen allerdings generell nicht gerne alleine oder zu zweit im Dunkeln, das hat für sie aber weniger mit dem Leben im Stadtteil zu tun, sondern eben damit, dass sie sich als Frauen nicht immer sicher fühlen. Die teilweise mangelnde Beleuchtung, vor allem am Damm und den Mainuferwegen, hinterlässt allerdings auch bei den jungen Männern kein gutes Gefühl.

Ebenfalls wollten wir wissen, welchen Einfluss hatte die Situation in Hanau nach dem rassistischen Terroranschlag am 19. Februar vergangenen Jahres auf ihr Leben? Haben die Tat und der Umgang damit Einfluss auf ihre Wahlentscheidung für eine Partei?

Auf jeden Fall hat die Tat sie alle zutiefst entsetzt und nachhaltig sensibilisiert, genau hinzuhören, was Parteien oder die Menschen in ihrem Alltag für eine politische Einstellung vermuten lassen. Rassismus und Terror, auf einmal Morde vor der eigenen Haustür, dies hat alle geschockt, keiner geht mehr durch Hanau, ohne daran zu denken. “Es kann jeden Tag wieder passieren. Das ist mir richtig bewusst geworden, die Angst ist immer irgendwie da”, so Marie*.

“Extremismus ist scheiße, egal ob von links, rechts oder auch in der religion. Extrem geht gar nicht. Rassismus in der Gesellschaft ist scheinbar etabliert? es wird viel geredet und es ändert sich überhaupt nichts.”

Sebastian’

Wie haben die kommunalen Erstwähler den Umgang der Politiker mit der Situation empfunden? “Der OB Kaminsky hat das echt gut gemacht.” (Daniel*, Nadine*). “Er (Kaminsky) war authentisch, man hat deutlich gemerkt wie sehr ihn das alles belastet hat, dass er erschüttert ist.” (Isabelle*). Sebastian* hat das Gefühl, dass sich trotzdem nichts wirklich geändert hat in der deutschen Gesellschaft und vor allem in der Bundes- und Landespolitik, das nach dem ersten Entsetzen doch viele wieder zur Tagesordnung übergegangen sind. Es hat sich seiner Meinung nach zu wenig getan im Umgang mit den Themen Extremismus und Terror. Die Berichterstattung zu den Ermittlungen empfanden die meisten als zäh und wenig transparent. Entsetzt waren sie beispielsweise über die zu wenig/nicht besetzte Notrufzentrale der Hanauer Polizei in der Nacht des Anschlages und die Diskussion über eine angeblich verschlossene Notausgangstür (dies war zum Zeitpunkt unserer Gespräche aktuell in der Berichterstattung).

Einen Einfluss auf ihre Wahlentscheidung hat die Tat in Hanau also auf jeden Fall für alle Interviewten: Rechte Parteien haben keine Chance.
Wählen gehen werden sie vermutlich alle, ob direkt in ihr Wahllokal oder per Briefwahl, entscheiden sie noch. Genauso wie sie sich noch schlüssig werden, welchen Parteien und Kandidaten sie ihre Stimme geben möchten. Dass sie genau hinschauen und sich nicht so einfach mit vollmundigen Wahlversprechen ködern lassen, scheint jedenfalls klar zu sein. Die Politik, die demokratische Gesellschaft generell, wird sich in Zukunft daran messen lassen müssen, ob sie es geschafft hat, ihre Inhalte und Werte glaubhaft zu transportieren und ob sie von jungen Menschen gewählt werden wird.

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